Schlafstörungen gelten laut der aktuellen internationalen Krankheitsklassifikation (ICD-11) als eigenständige Erkrankung. In Deutschland sind etwa 6 % der Erwachsenen dauerhaft betroffen (Heidbreder et al., 2025), während bis zu ein Viertel gelegentlich unter schlechtem Schlaf leidet. Frauen sind häufiger betroffen, und das Risiko steigt mit dem Alter. Eine chronische Schlafstörung erhöht nicht nur die Gefahr für körperliche und seelische Erkrankungen, sondern führt auch zu deutlich mehr Fehltagen im Beruf. Aktuelle medizinische Empfehlungen zu Ursachen, Diagnose und Behandlung liefert die S3-Leitlinie (Spiegelhalder et al., 2025).
In diesem Beitrag werden Laboruntersuchungen vorgestellt, die nicht nur zur Einschätzung und Prognose von Schlafstörungen beitragen, sondern auch mögliche ergänzende Behandlungsansätze aufzeigen – etwa durch gezielte Gabe von Mikronährstoffen, hormonelle Unterstützung oder eine Beeinflussung der Darmflora.
Die Rolle der Schilddrüse
Störungen der Schilddrüse sind häufig auf eine Autoimmunreaktion zurückzuführen, bei der der Körper Antikörper gegen eigenes Schilddrüsengewebe bildet (z. B. anti-TPO, anti-TG, TRAK). Eine Unterfunktion (Hypothyreose) kann sich durch Müdigkeit, depressive Verstimmung, Kälteempfindlichkeit und einen erhöhten Schlafbedarf äußern. Die Hashimoto-Thyreoiditis ist dabei eine häufige Ursache. Auch ein Jodmangel sollte ausgeschlossen werden. Studien belegen Zusammenhänge zwischen Schilddrüsenunterfunktion – auch in milder Form – und schlechtem Schlaf (Song et al., 2019; Teliti et al., 2024; Thavaraputta et al., 2019).
Bei einer Überfunktion (Hyperthyreose) produziert die Schilddrüse zu viele Hormone. Die Folge sind Unruhe, Nervosität, Herzrasen, Gewichtsverlust und oft auch Ein- und Durchschlafstörungen. Mögliche Ursachen sind ein autonomes Adenom oder die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow (Nachweis über anti-TPO und TRAK). Ein direkter Zusammenhang zwischen TSH-Werten und Schlafproblemen wurde mehrfach beschrieben (Xia et al., 2013), und bei Morbus Basedow klagten über 60 % der Betroffenen über Schlafstörungen (Stern et al., 1996).
Melatonin – das Schlafhormon
Melatonin ist ein Hormon, das hauptsächlich in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet wird. Es entsteht aus der Aminosäure Tryptophan über den Zwischenstoff Serotonin. Für diese Umwandlung sind bestimmte Vitamine (B6, B12, Folsäure, Nicotinamid) sowie Magnesium notwendig.
Die Produktion von Melatonin folgt einem festen Tagesrhythmus. Sie steigt bei Dunkelheit stark an und fällt bei Lichteinwirkung schnell wieder ab. Deshalb ist Melatonin vor allem nachts im Blut nachweisbar. Die Werte sind in jungen Jahren am höchsten und sinken mit zunehmendem Alter deutlich. Nach dem 60. Lebensjahr ist die körpereigene Produktion oft stark reduziert.
Dieser Rückgang kann verschiedene Körperfunktionen beeinträchtigen. Dazu zählen das Immunsystem, die Abwehr von oxidativem Stress, das Herz-Kreislauf- und Skelettsystem sowie das zentrale Nervensystem. Ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus kann so zu Schlafproblemen, Konzentrationsstörungen und sogar zu Aufmerksamkeitsdefiziten beitragen (Minich et al., 2022).
Die Einnahme von Melatonin bei Einschlafproblemen und Jetlag ist gut untersucht und bewährt. Studien zeigen, dass es die Einschlafzeit verkürzen und die Schlafdauer verlängern kann – je höher die Dosis, desto stärker der Effekt (Ferracioli-Oda et al., 2018). Allerdings zeigte bereits eine geringe Dosis von 0,5 mg eine Verbesserung des Schlafs (Sletten et al., 2018). Eine neuere Auswertung von 26 Studien empfiehlt eine Einnahme von 4 mg etwa drei Stunden vor dem gewünschten Einschlafen (Cruz-Sanabria et al., 2024) – also mehr als die sonst üblichen 2 mg.
Auch bei Kindern und Jugendlichen zwischen 2 und 18 Jahren – vor allem bei ADHS – wurde Melatonin erfolgreich eingesetzt. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Gabe nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen sollte (Paditz, 2024; Paditz et al., 2024). Es kam in Einzelfällen bei Überdosierung im frühen Kindesalter zu tödlichen Zwischenfällen.
Cortisol und DHEA – Hormone der Nebennieren und ihre Bedeutung für den Schlaf
Die Nebennieren produzieren verschiedene Hormone, darunter Cortisol und DHEA (Dehydroepiandrosteron). Die Bildung von DHEA ist im jungen Erwachsenenalter (zwischen 20 und 30 Jahren) am höchsten und nimmt dann jährlich um etwa 3 % ab. Männer haben dabei höhere Werte als Frauen. Cortisol hingegen bleibt im Alter weitgehend stabil, wodurch das Verhältnis von Cortisol zu DHEA mit den Jahren aus dem Gleichgewicht geraten kann.
Cortisol wirkt anregend und ist ein Gegenspieler zum Schlafhormon Melatonin. Ein gesunder Cortisol-Anstieg am Morgen hilft beim Wachwerden. Ist dieser Anstieg zu gering, kann es zu Antriebslosigkeit und Erschöpfung kommen. Dies lässt sich über morgendliche Messungen von Cortisol und DHEA erkennen.
Schlafmangel hat direkte Auswirkungen auf diese Hormone: Eine Studie zeigte, dass bereits kurzzeitiger Schlafentzug bei jungen, gesunden Erwachsenen zu niedrigeren Cortisolwerten am Morgen, erhöhter Entzündungsaktivität, Müdigkeit und depressiver Verstimmung führt (Thompson et al., 2022). Bewegung wirkt hier regulierend: Eine Meta-Analyse aus zehn Studien belegte, dass regelmäßige körperliche Aktivität den Cortisolspiegel senkt und gleichzeitig die Schlafqualität verbessert (De Nys et al., 2022).
Histamin – ein bioaktives Amin mit vielen Wirkungen
Histamin ist ein biologisch aktiver Stoff, der aus der Aminosäure Histidin gebildet werden kann. Es wird hauptsächlich in bestimmten Immunzellen wie Mastzellen und basophilen Granulozyten sowie in Zellen der Darmschleimhaut gespeichert. Zwei Enzyme bauen Histamin ab: die Diaminooxidase (DAO), die vor allem im Darm vorkommt, und die Histamin-N-Methyl-Transferase (HNMT), die eher im Gewebe wirkt. DAO ist besonders wichtig, um Histamin aus der Nahrung abzubauen und so eine Überlastung des Körpers zu verhindern. Für ihre Funktion sind u. a. Kupfer, Vitamin B6 und Vitamin C nötig (Hrubisko et al., 2021).
Histamin steckt in vielen Lebensmitteln – etwa in gereiftem Käse, Fischkonserven, fermentierten Produkten sowie manchen Weinen (Comas-Baste et al., 2020). Neben seiner Rolle bei allergischen Reaktionen wirkt Histamin auch als Botenstoff im Gehirn und beeinflusst unter anderem Entzündungen, Blutgefäße, Verdauung, Muskelspannung sowie den Schlaf-Wach-Rhythmus.
Bei einer Histaminintoleranz (HIT) ist das Gleichgewicht gestört: Der Körper nimmt zu viel Histamin auf oder bildet es vermehrt, kann es aber nicht ausreichend abbauen. Meist liegt das an einer verminderten DAO-Aktivität. Medikamente wie Isoniazid oder Verapamil (Comas-Baste et al., 2020; Hrubisko et al., 2021) sowie Darmerkrankungen wie Glutenunverträglichkeit (Schnedl und Enko, 2021) können diese Enzymaktivität zusätzlich schwächen. Die deutsche Leitlinie bietet eine gute Übersicht zu Ursachen, Diagnose und Behandlung (Reese et al., 2017).
Die Beschwerden bei HIT sind vielseitig und können nach dem Verzehr histaminreicher Lebensmittel auftreten. Typisch sind allergieähnliche Symptome wie eine verstopfte Nase, Hautausschläge, Asthma, Verdauungsbeschwerden, Herzrhythmusstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen (Comas-Baste et al., 2020; Hrubisko et al., 2021).
Die Diagnose einer HIT ist oft schwierig. Die Bestimmung des Histaminspiegels im Blut oder Stuhl bringt wenig, da dieser sehr stark schwankt. Aussagekräftiger sind die Messung der DAO-Aktivität und die Prüfung, wie gut der Körper zugesetztes Histamin abbauen kann (Totale Histaminabbaukapazität).
Histamin hat auch Einfluss auf den Schlaf. Liegt abends zu viel Histamin vor, wie etwa bei HIT, kann das den Schlaf stören. Eine Studie zeigte bei Menschen mit Schlafstörungen höhere Histaminwerte im Blut und Veränderungen in der Gehirnaktivität (Lin et al., 2024).
Antihistaminika werden schon lange zur Behandlung von Schlafproblemen eingesetzt (Krystal et al., 2013). Dazu gehören Doxylamin (z. B. Hoggar Night®) oder Diphenhydramin (z. B. Betadorm®). Dass diese Mittel bei Schlafstörungen helfen können (Ozdemir et al., 2014), unterstreicht die Bedeutung einer gezielten Behandlung der HIT, um den Schlaf zu verbessern – idealerweise ohne Medikamente und deren Nebenwirkungen.
Die Therapie der HIT besteht vor allem darin, histaminreiche Lebensmittel zu meiden und DAO als Nahrungsergänzung einzunehmen. Studien belegen, dass beides die Beschwerden deutlich verbessern kann (Comas-Baste, 2020; Schnedl et al., 2019; Yacoub et al., 2018; Hrubisko et al., 2021). Auch Vitamin C – in Mengen von 300 bis 500 mg täglich – kann den Histaminabbau fördern (Jarisch et al., 2014).
Entzündungsmarker: hsCRP
Schlafstörungen stehen schon länger im Verdacht, mit einer sogenannten „low-grade“-Entzündung verbunden zu sein, die auch als Neuroinflammation bezeichnet wird. Daher kann die Messung empfindlicher Entzündungsmarker wie das hochsensitive C-reaktive Protein (hsCRP) sinnvoll sein, da es selbst geringe entzündliche Veränderungen zuverlässig anzeigt.
Zahlreiche Studien haben Zusammenhänge zwischen Schlafproblemen und Entzündungsreaktionen untersucht (Irwin et al., 2016). In einer großen Studie mit etwa 75.000 koreanischen Teilnehmern mittleren und höheren Alters wurde festgestellt, dass Männer mit sehr langen Schlafzeiten von mehr als zehn Stunden täglich deutlich höhere hsCRP-Werte hatten, was mit einem um 47 % erhöhten Risiko einherging. Bei Frauen zeigte sich ein hoher hsCRP-Spiegel vor allem bei schlechter Schlafqualität (Lee et al., 2020). Zusätzlich zeigen Studien mit Mendelscher Randomisierung, dass hohe CRP-Werte ursächlich mit Schlafstörungen verknüpft sind (Zhang et al., 2023).
Mikronährstoffe
Magnesium (Mg) wird in Deutschland von etwa einem Viertel der Erwachsenen nicht in der empfohlenen Menge aufgenommen (Micke et al., 2020). Besonders betroffen sind Menschen mit einseitiger Ernährung, ältere Menschen und Schwangere sowie Menschen mit bestimmten Erkrankungen wie Diabetes. Magnesium ist wichtig für viele Enzyme und das Nervensystem, da es GABA-Rezeptoren aktiviert und so die Erregbarkeit verringert. Es hilft auch bei der Muskelentspannung und kann den Cortisol-Spiegel senken. Eine Studie zeigte, dass mehr Magnesium mit besserem Schlaf verbunden ist, und Menschen mit obstruktiver Schlafapnoe hatten niedrigere Magnesiumwerte (Zhang et al., 2022; Wadee et al., 2022). Magnesium-Supplemente verbesserten in mehreren Studien die Schlafdauer und Qualität sowie die Stresshormonwerte (Abbasi et al., 2012; Hausenblas et al., 2024; Mah and Pitre, 2021). Kombinationen mit Vitamin B6 oder Melatonin zeigten ebenfalls Vorteile (Jadidi et al., 2022; Carlos et al., 2024).
Vitamin D-Mangel ist in Deutschland weit verbreitet. Vitamin D beeinflusst die Produktion von Serotonin und Melatonin und ist mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen verbunden (Eyles et al., 2013; Huiberts et al., 2021). Studien zeigen, dass niedrige Vitamin D-Werte das Risiko für Schlafstörungen deutlich erhöhen, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern (Gao et al., 2018; Prono et al., 2022). Vitamin D-Supplementierung verbessert die Schlafqualität laut Meta-Analysen ohne relevante Nebenwirkungen (Abboud, 2022; Mirzaei-Azandaryani et al., 2022).
Die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sind wichtig für das Gehirn und haben entzündungshemmende Wirkungen (Luo et al., 2021). Studien zeigen, dass eine höhere Omega-3-Aufnahme mit besserem Schlaf einhergeht. Eine Analyse von US-Daten ergab, dass niedrige Omega-3-Spiegel mit kürzerer Schlafdauer verbunden sind (Murphy et al., 2022). Ein hoher Omega-6-/Omega-3-Quotient steht dagegen mit mehr Schlafproblemen in Zusammenhang (Luo et al., 2021). Eine kontrollierte klinische Studie zeigte, dass die Einnahme von DHA und EPA den Schlaf verbesserte (Yokoi-Shimizu et al., 2022). Meta-Analysen bestätigen, dass Omega-3 die Schlafqualität verbessert, allerdings nicht die Schlafdauer (Shimizu et al., 2024; Dai and Liu, 2021). Insgesamt deuten die meisten Studien auf positive Effekte von Omega-3-Fettsäuren hin, besonders wenn Omega-6-Fettsäuren begrenzt werden. Patienten mit Schlafstörungen und einem ungünstigen Fettsäureprofil könnten daher von einer Supplementierung mit EPA und DHA profitieren.
Diagnostisches Vorgehen bei Schlafstörungen
Das empfohlene diagnostische Vorgehen ist in Abbildung 1 dargestellt. Das Basis-Profil umfasst neben der Messung von hsCRP die Bestimmung von Melatonin, Magnesium im Vollblut (relativ, daher ist noch eine Bestimmung des kleinen Blutbilds erforderlich) sowie von Vitamin D. Bei Mangelerscheinungen ist eine Supplementierung eine sofortige therapeutische Option.
Bei erhöhtem hsCRP, bekannter entzündlicher Grunderkrankung oder ausbleibendem Therapieerfolg sind vor allem entzündungsbasierte Prozesse auszuschließen. Eine Abklärung der Schilddrüsenfunktion und des Omega-3-Status stellt daher einen weiteren diagnostischen Schritt und nachfolgend eine weitere therapeutische Option dar.
Anamnestische Angaben, die auf eine Stressexposition hindeuten, können durch die Bestimmung von Cortisol/DHEA objektiviert werden, sodass Anti-Stress-Maßnahmen eine geeignete Option darstellen können. Bei Symptomen einer Histamin-Intoleranz (HIT) sollte diese durch eine Bestimmung der DAO und der Histaminabbaukapazität ausgeschlossen werden. Besteht eine HIT, könnten Schlafstörungen durch eine HIT-Therapie möglicherweise verbessert werden.