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Leaky Gut: Mit optimal kombinierten Wirkstoffen zum Behandlungserfolg

Intakte Haut- und Schleimhautbarrieren schützen Gewebe und Organe vor Infektionen, Allergenen, Umweltgiften und sonstigen Schadstoffen. Sie vermitteln die Gewebehomöostase und haben damit eine fundamentale gesundheitliche Bedeutung. Multifaktorielle Einflüsse führen zu undichtem Darm (Leaky Gut) und daraus resultierenden chronischen systemischen Entzündungen, die mit der Pathogenese vieler Erkrankungen in Verbindung stehen. Ein Leaky-Gut-Syndrom (LGS) kann sich durch ganz unterschiedliche Symptome bemerkbar machen. Daher ist eine umfassende funktionale Diagnostik wichtig. Zum Therapiemanagement gehören die Meidung auslösender Faktoren und die Wiederherstellung des gesunden Darmmilieus mit Mikronährstoffen, Prä- und Probiotika sowie Naturstoffen. In diesem Artikel wird auf aktuelle Daten zu Ursachen, Diagnostik und Therapie des LGS eingegangen.

  • Intestinale Mikrobiota: Die Darmflora baut lösliche Ballaststoffe zu Milchsäure oder auch kurzkettigen Fettsäuren (Acetat, Propionat, Butyrat) ab, die 60 – 70 % des Energiebedarfs der
    Epithelzellen decken. Zudem synthetisiert die Darmflora antimikrobielle Stoffe.
  • Intestinale Mukosa: Die Darmschleimhaut besteht aus einem einreihigen Epithel kurzlebiger (3 bis 5 Tage) Zellen, die als Kolonozyten mit kurzen Mikrovilli resorptive Funktionen erfüllen.
    Das Epithel ist mit einer Schleimschicht bedeckt, die Mucine, Immunglobuline (sekretorisches IgA, sIgA) und antibakterielle Peptide enthält. Tight Junctions (TJ), die sich zwischen benachbarten Zellen befinden, stabilisieren den Zellverband und regulieren die Durchlässigkeit von Flüssigkeiten und gelösten Stoffen. Die Durchlässigkeit der TJ wird durch Zonulin erhöht, einem Protein, das bei verschiedenen Stimuli von der Darmschleimhaut abgesondert wird [4]. So reguliert die Darmschleimhaut die kontrollierte Aufnahme von Nährstoffen und schützt gleichzeitig vor pathogenen Mikroorganismen und Antigenen aus der Nahrung [5]. Bei einer gestörten Homöostase des Zonulins (z. B. durch Gluten oder Dysbiose) kommt es zum erhöhten Zonulinspiegel, der auf den Verlust der Kontrolle über die Partikelpassage aus dem Darmlumen in den Blutkreislauf hinweist.
  • Bindegewebige Lamina propria: Diese enthält Blut- und Lymphgefäße sowie das darmassoziierte Immunsystem mit 70 – 80 % aller Immunzellen Die mikrobielle Zusammensetzung der Darmflora verändert sich und pathogene Bakterien können sich ausbreiten, wodurch unter anderem die TJ-Proteine in ihrer Funktion geschädigt werden.
  • Reduzierte TJ-Proteine führen zu erhöhter transepithelialer Permeabilität.
  • Pathogene, Antigene, Toxine (z. B. bakterielle Lipopolysaccharide (LPS)) oder anderweitige Schadstoffe treten durch die Darmbarriere.
  • Das darmassoziierte Immunsystem wird mit Aktivierung der Entzündungskaskade und Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine (z. B. TNF-α, IL-1β, IL-6 und Interferon-γ) stimuliert.
  • Es etabliert sich ein chronischer Entzündungsprozess, mit deregulierten TJ und abnehmender Dicke der Schleimschicht.
  • Es kommt zur systemischen Ausbreitung eines chronisch-inflammatorischen Zustands über den Blutkreislauf, mit zunehmender Beeinträchtigung von Organen und Systemen (z. B. Hormon-, Immun-, Nerven-, Atmungs- oder Fortpflanzungssystem).

 

Symptome

  • chronischer Durchfall
  • Verstopfung
  • Blähungen
  • Nahrungsmittelintoleranzen
  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen

 

Erkrankungen in Zusammenhang mit einer erhöhten intestinalen Permeabilität

  • Chronische Erkrankungen, bei denen lokale Barrieredefekte eine Pathologie in den betroffenen Geweben verursachen:
    • Entzündliche Darmerkrankungen
    • Zöliakie
    • Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten
    • Atopische Dermatitis
    • Psoriasis
    • Akne
    • Asthma
    • Allergische Rhinitis
  • Chronische Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen, bei denen der undichte Darm und die mikrobielle Dysbiose zum Ausbruch oder zur Verschlechterung der Krankheit beitragen. Dazu gehören beispielsweise:
    • Diabetes Typ 2
    • Adipositas
    • Insulinresistenz
    • Hyperlipidämie
    • nicht-alkoholische Fettleber
    • Leberzirrhose
    • Autoimmunhepatitis
    • Rheumatoide Arthritis
    • Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew)
  • Erkrankungen, bei denen sich die Auswirkungen einer gestörten Darmschleimhaut über die Darm-Hirn-Achse im Gehirn manifestieren – eine Verbindung, über die die beiden Organe bidirektional kommunizieren. Auch eine undichte Blut-Hirn-Schranke (Leaky Brain) kann wesentlich dazu beitragen. Als Krankheiten sind hier zu nennen:
    • Multiple Sklerose
    • chronische Depression
    • chronisches Müdigkeitssyndrom
    • stressbedingte psychiatrische Störungen
    • Autismus-Spektrum-Störungen
    • Morbus Parkinson
    • Morbus Alzheimer

 

Ernährung

Zu Beginn der Therapie steht die Ernährungsumstellung mit ballaststoffreicher Kost, Gemüse, etwas Obst und Vollkornprodukten, bei der auch folgende Aspekte berücksichtigt werden sollten:

  • nahezu glutenfrei
  • möglichst milchfrei
  • ohne Zucker oder künstliche Süßstoffe
  • ohne industrielle Verarbeitung und deren Zusätze
  • frei von unverträglichen Lebensmitteln (evtl. IgG-basierte Ernährungsdiagnostik)
  • histaminarm
  • frei von Pestiziden und Antibiotika (biologischer Anbau)


Verschiedene Lebensmittel sind bei einer entzündeten Darmschleimhaut bzw. LGS hilfreich:

  • Brokkoli bzw. Brokkoli-Extrakt: Kohlarten und
    insbesondere Brokkolisorten enthalten Sulforaphan, das entzündungshemmend, antioxidativ, antibakteriell und antiangiogen wirkt. Die Magen- und Dünndarmschleimhaut wird vor stress- und medikamenteninduzierten Schäden geschützt (z. B. Aspirin und nicht-steroidale Entzündungshemmer)
  • Anderweitige Lebensmittel, wie z. B. fermentierte Lebensmittel, Fischöl, Schwertbohnen, Himbeeren, Heidelbeeren, Erdnussschalen oder Zimt haben bei entzündlichen Darmerkrankungen eine antiinflammatorische Wirkung gezeigt, die auch zur Reduktion der Permeabilität beiträgt


Auch die Reduktion von Übergewicht trägt zur Normalisierung der Darmpermeabilität bei, wie in neueren Studien festgestellt wurde.

Aminosäuren
Im Darm sind einige Aminosäuren besonders wichtig für die Barrierefunktion:

  • Glutamin und Alanin-Glutamin: Glutamin spielt
    eine zentrale Rolle für die Schleimhautintegrität.
    Dies wurde auch in klinischen Studien nachgewiesen, z. B. bei Patienten mit Morbus Crohn . In der Dünndarmschleimhaut dient Glutamin als Brennstoff für den Stoffwechsel, der auch die Proliferation von Epithelzellen und die Expression von TJ-Proteinen reguliert. Glutamin erhöht den entzündungshemmenden IL-10-Spiegel in T- und B-Lymphozyten sowie Epithelzellen. Gleichzeitig wird die Bildung von proinflammatorischen IL-6 und IL-8 reduziert. Zusätzlichen Schutz der Darmbarriere bietet die synergistische Kombination mit dem Dipeptid Alanin-Glutamin, das immunregulatorisch und entzündungshemmend wirkt.
  • Arginin: aktiviert die intestinale Immunität und reduziert die Permeabilität bzw. bakterielle Translokation.
  • Cystein: wird zur Bildung von Glutathion benötigt, das als stärkstes Antioxidans im Körper auch die intestinalen Epithelzellen schützt.


Vitamine

  • B-Vitamine: Neben der Aufnahme von B-Vitaminen über die Nahrung bildet die Darmmikrobiota B-Vitamine. Bei einer Dysbiose kann daher ein Vitamin-B-Mangel bestehen. Die Vitamine B2 (Riboflavin), B3 (Niacin), B6 (Pyridoxal-5-phosphat)
    und Biotin (Vitamin B7) sind besonders wichtig für den Erhalt intakter Schleimhäute.
  • Vitamin A und Vitamin D3: Diese beiden Vitamine tragen wesentlich zur Gesundheit der Darmschleimhaut bei:
    • verbesserte Integrität der Epithelbarriere
    • Förderung der Mucinsekretion
    • erhöhte Bildung antimikrobieller Peptide
    • verbesserte Zusammensetzung der Darmmikrobiota
    • Produktion von Immunglobulin A (IgA)
    • Hemmung proinflammatorischer Signalwege
    • Reduktion von oxidativem Stress und Entzündungen


Probiotika

Multispezies-Probiotika und fermentierte Lebensmittel (z. B. Sauerkraut, Kimchi, Kombucha, Miso, Tempeh) sind besonders wichtig. Ihre Beiträge für die Integrität und Funktion der Darmschleimhaut sind:

  • Erhöhung der Expression von TJ-Proteinen
  • Stimulation der Mucinbildung durch Akkermansia muciniphila
  • Abbau unverdaulicher löslicher Ballaststoffe und Bildung von Butyrat
  • Synthese von Bacteriocinen und Reduktion des pH-Wertes zum Schutz vor Pathogenen
  • Bildung antioxidativer Metaboliten und Erhöhung der Aktivität antioxidativer Enzyme
  • Verbesserung der Schleimhautimmunität durch Erhöhung des sIgA
  • Entzündungshemmung durch Reduktion von TNF-α oder IL-6 und Erhöhung von IL-10 und TGF-β
  • Optimierung der Immunregulation durch Erhöhung des Anteils regulatorischer T-Zellen (Treg)


Präbiotika und Butyrat

Präbiotika sind unverdauliche lösliche Ballaststoffe (z. B. Guarkernmehl, Akazienfasern), die von der Mikrobiota zu Milchsäure und kurzkettigen Fettsäuren wie Butyrat, Acetat und Propionat abgebaut werden. Diese senken den pH-Wert im Darm, wodurch Pathogene besser abgewehrt werden können. Butyrat stärkt die Darmbarriere in mehrfacher Weise:

  • Förderung des Aufbaus von TJ
  • Erhöhung der Mucinbildung
  • antiinflammatorische Immunregulation
  • Energieträger der Kolonmukosa, der zu 60 – 70 % der mitochondrialen Energiebildung beiträgt


Polyphenole

Polyphenole tragen zur Wiederherstellung der Redox-Homöostase bei und erhöhen die Aktivität antioxidativer Enzyme. Aufgrund ihrer geringen Absorption bleiben sie über einen längeren Zeitraum im Darm und lindern in vielfältiger Weise die Symptomatik eines LGS:

  • erhöhte Expression von TJ-Proteinen durch Quercetin, Resveratrol, Curcumin, Epigallocatechingallat (EGCG), Berberin und Genistein
  • Reduktion des Zonulinspiegels und Zunahme der Butyratbildner durch eine polyphenolreiche Ernährung
  • verbesserte Eigenschaften der Mucinschicht durch Polyphenole aus grünem und schwarzem
    Tee
  • verbesserte Zusammensetzung der Darmmikrobiota durch Curcumin und Polyphenole aus Tee, Rotwein und Traubenkernen
  • erhöhte Expression antimikrobiell wirksamer
    Defensine durch ECGC
  • erhöhte sIgA-Bildung durch Curcumin


Heilpflanzen

Viele traditionelle Heilpflanzen beruhigen den Darm und haben sich in der naturheilkundlichen Medizin bei chronisch-entzündlichen Störungen im Darm seit Jahrhunderten bewährt. Dazu gehören z. B. Anis, Echter Eibisch, Echter Sternanis, Echtes Eisenkraut, Fenchel, Grüne Minze, Ingwer, Johanniskraut, Koriander, Ringelblume, Spitzwegerich und Zitronenmelisse. Die Teepflanze und das Echte Süßholz sind bei erhöhter gastrointestinaler Permeabilität wirksam.

Bitterstoffhaltige Heilpflanzen (z. B. Enzian, Ingwer, Löwenzahn, Wacholder, Wermut, Hopfen oder Artischocke) sind besonders wichtig zur Bildung von Magensaft, Gallenflüssigkeit und Bauchspeichelsekret. Der Magen-Darm-Trakt wird besser durchblutet, die Peristaltik und die Resorption von Mikronährstoffen über die Darmschleimhaut werden gefördert. Schleimbildende Becherzellen können durch Bitterstoffe stimuliert werden und die Schleimhautbarriere
stärken.


Heilpilze

Heilpilze wie z. B. Yamabushitake (Hericium erinaceus) tragen über mehrere Mechanismen zur Wiederherstellung  einer geschädigten Darmschleimhaut bei:

  • präbiotische Ernährung der Darmmikrobiota
  • Reduktion proinflammatorischer Zytokine
  • Entzündungshemmung durch Reduktion der Aktivität von Cyclooxygenasen und Prostaglandin E2


Praxistipp

Viele Naturstoffe tragen in unterschiedlicher Weise dazu bei, den Teufelskreis eines LGS zu durchbrechen. Zur optimalen synergistischen Wirksamkeit sollten diese – neben Pro- und Präbiotika – als sinnvolle Kombinationspräparate verordnet werden, worin sie in ausgewogener Zusammensetzung vorliegen.


Fazit

Das LGS ist in seiner Pathogenese multifaktoriell und beeinträchtigt den Darm in seiner wichtigsten Funktion – die Fähigkeit zur Aufnahme lebenswichtiger Nährstoffe bei gleichzeitigem Schutz vor potenziell schädlichem Lumeninhalt. Somit steht der undichte Darm am Ursprung vieler Funktionsstörungen, die sich systemisch auswirken und zur Pathogenese von Zivilisationskrankheiten beitragen.

Neben der Meidung von Risikofaktoren sowie der Optimierung von Lebensstil und Ernährungsgewohnheiten, gehört zur Therapie des LGS die Versorgung mit Mikronährstoffen und weiteren Naturstoffen sowie Pro- und Präbiotika, die sich in der Gesamtheit ihrer Wirkungen optimal ergänzen. 

Dr. Dorit Schuller
Sandstraße 3
90584 Allersberg | Deutschland
symbioma@gmail.com

 

Dieser Artikel ist im Sonderdruck 2023 I SH 31 erschienen. OM & Ernährung – Gesundheitsforum für Orthomolekulare Medizien. Internationales Journal für orthomolekulare und verwandte Medizin