Laborprofile der Longevity-Medizin
Das biomedizinische Alter eines Menschen ist ein besserer Prädiktor für altersassoziierte Erkrankungen als das kalendarische Alter. Moderne Labordiagnostik bietet heute evidenzbasierte Biomarker, um entzündliche Prozesse, mitochondriale Dysfunktionen, neurodegenerative Risiken oder Hormonmängel frühzeitig zu erkennen und individuell zu behandeln. Unser neuer Fachbeitrag liefert einen praxisorientierten Überblick über diagnostisch sinnvolle Laborparameter in der Longevity-Medizin – darunter NAD+, ChronoVital-Index, hs-CRP, Homocystein, Mikrobiomanalysen und mitochondriale Funktionsmarker. Diese Parameter finden sich ab sofort auf dem neuen Auftragsschein Evidenzbasierte Laborprofile für die Praxis, der krankheits- und beschwerdebezogen strukturiert ist. Ziel ist es, praxistaugliche und personalisierte Prävention und Therapie in die ärztliche Routine zu integrieren – auf Basis solider wissenschaftlicher Daten.
Obwohl unser Geburtstagsalter (chronologisches Alter) oft viel Aufmerksamkeit erhält, ist das biomedizinische Alter entscheidend dafür, wie wahrscheinlich es ist, an altersbedingten Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Demenz zu erkranken.
Anders als das chronologische Alter spiegelt das biomedizinische Alter den tatsächlichen Zustand unseres Körpers wider: Ein Mensch, der kalendarisch 60 Jahre alt ist, kann biologisch jünger (biomedizinisches Alter < 60) oder älter (biomedizinisches Alter > 60) sein. Mithilfe verschiedener Laboruntersuchungen lässt sich dieses biomedizinische Alter bestimmen. Auch weitere Untersuchungen im Labor sind sinnvoll, um gezielt Maßnahmen gegen Alterungsprozesse einzuleiten.
Wissenschaftlich begründete Laborparameter in der Longevity Medizin
ChronoVital Index
Der ChronoVital Index basiert auf einer großen Studie, in der 51.408 Personen aus Europa und Asien untersucht wurden. Dabei ließ sich mithilfe von 204 Blutproteinen das biologische Alter und dessen Zusammenhang mit 18 altersbedingten Krankheiten erfassen (1).
Aus diesen Erkenntnissen entwickelte das Labor Dr. Bayer einen Labortest, der nur sechs leicht messbare Serumparameter benötigt, welche jedoch eng mit dem Proteinalter-Index korrelieren. Dieser Test gibt einen Hinweis auf das biomedizinische Alter und ermöglicht es, das individuelle Risiko für Alterserkrankungen einzuschätzen sowie die Wirksamkeit von Therapien im Verlauf zu messen.
Hoch‑sensitives C‑reaktives Protein (hs‑CRP)
Neuere Forschungen belegen, dass eine dauerhafte, niedriggradige Entzündung im Körper maßgeblich zum Altern und zu Alterserkrankungen beiträgt (Inflammaging) (2). Das hochsensitive C‑reaktive Protein (hs‑CRP) ist ein Marker für solche Entzündungen.
Erhöhte hs‑CRP-Werte stehen in Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (3), Diabetes (4), bestimmten Krebsarten (5) und dem Rückgang geistiger Fähigkeiten (6). Auch die sogenannte Gebrechlichkeit im Alter, die oft mit Muskelabbau und Gewichtsverlust einhergeht, korreliert mit hohen hs‑CRP-Werten (7).
In der Iowa 65+ Rural Health Studie zeigte sich sogar, dass scheinbar gesunde Senioren mit erhöhtem hs‑CRP das höchste Risiko für einen vorzeitigen Tod hatten (8). Deshalb ist die Bestimmung des hs‑CRP ein wesentlicher Bestandteil des ChronoVital Index.
NAD+
Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD+) ist ein zentrales Molekül für die Energiegewinnung in den Mitochondrien unserer Zellen. Außerdem dient es als Ausgangsstoff für Enzyme, welche Zellschutz-, Reparatur- und Erneuerungsprozesse unterstützen und damit im Alter besonders wichtig sind (9).
Da der NAD+-Bedarf im Alter steigt, sinkt sein Spiegel natürlicherweise ab. In klinischen Studien führte eine NAD-Gabe zu einer Besserung der Parkinson-Symptome (10) und steigerte die Griffstärke sowie die Gehgeschwindigkeit älterer Menschen (11). Mit einer Blutmessung des NAD+-Spiegels lässt sich daher erkennen, ob eine erhöhte Zufuhr sinnvoll ist.
Homocystein, B‑Vitamine und Omega‑3‑Fettsäuren
Die Aminosäure Homocystein kann in hohen Konzentrationen Blutgefäße schädigen und so das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Auch bei der Entstehung von Demenzen spielt Homocystein eine entscheidende Rolle. Studien zeigen, dass hohe Homocystein-Werte das Demenzrisiko im Alter deutlich steigern (12). Große klinische Studien wie die VITACOG-Studie belegen, dass durch eine Senkung des Homocysteins mit B‑Vitaminen sowohl der altersbedingte Gehirnschwund verringert als auch die geistigen Fähigkeiten verbessert werden können (13) (14) (15).
Damit dieser Effekt optimal ist, muss eine ausreichende Versorgung mit den Omega‑3-Fettsäuren EPA und DHA gewährleistet sein. Die gemeinsame Messung dieser Biomarker ist daher essenziell für eine personalisierte Therapie gegen Demenz (Abbildung 1).

Das Hormon Melatonin
Melatonin ist vor allem als Schlafhormon bekannt, spielt aber auch eine wichtige Rolle im Alterungsprozess. Seine entzündungshemmende Wirkung, die Unterstützung der Entgiftung, der Schutz der Mitochondrien und die Aktivierung von Molekülen wie Sirtuinen, die die Zellalterung verlangsamen, machen Melatonin zu einem wertvollen Anti‑Aging-Hormon (16).
Allerdings sinkt der Melatonin-Spiegel bis zum 80. Lebensjahr um das Zehnfache im Vergleich zu Jugendlichen (17). Bei nachgewiesenem Mangel kann eine Gabe von Melatonin vor allem bei Schlafstörungen helfen. Da Melatonin jedoch eine kurze Halbwertszeit hat, ist es zusätzlich wichtig, die körpereigene Produktion zu fördern – etwa durch eine Reduktion raffinierter Kohlenhydrate, Verzicht auf Bildschirmlicht vor dem Schlafen (oder Einsatz von Blaufilter-Funktionen) und Schlaf in einer abgedunkelten Umgebung (18).
Vitamin D und Vitamin K: Vitamine gegen das Altern
Vitamin D wird heute als Hormon verstanden, das das Immunsystem steuert und entzündungsbedingten Alterserkrankungen entgegenwirkt (19). Optimal sind Blutwerte zwischen 40 und 60 µg/L (100–150 nmol/L). Höhere Spiegel können wiederum Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern (20), weshalb eine Laboruntersuchung zur Bestimmung der richtigen Dosis ratsam ist. Zusammen mit Vitamin K bietet Vitamin D zudem einen effektiven Schutz vor Osteoporose (21).
Das Darmmikrobiom
Das Darmmikrobiom – die Billionen Mikroorganismen im Darm – wurde lange unterschätzt, produziert aber rund die Hälfte aller Stoffwechselprodukte im Blut und beeinflusst unser Altern entscheidend (22).
Ist die Darmflora aus dem Gleichgewicht, kann die Darmwand durchlässig werden (Leaky‑Gut-Syndrom), wodurch Entzündungen im ganzen Körper und damit auch Alterungsprozesse gefördert werden (23). Ein Mikrobiom-Test zeigt, ob ein von der Darmflora ausgehendes Risiko für Leaky Gut besteht. Liegt dieses vor, lassen sich mit einer gezielten Therapie die Darmbakterien so verändern, dass die Entzündungslast sinkt.
Geschlechtshormone und ihre Vorstufen
In den Wechseljahren sinkt die Produktion von Östrogen (bei Frauen) und Testosteron (bei Männern). Dadurch steigen Risiken für Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, besonders bei Frauen (24). Hormonersatztherapien oder die Gabe von Vorstufen wie DHEA oder Pregnenolon können helfen, bergen aber auch Risiken. Eine labormedizinische Kontrolle der Hormonspiegel minimiert die Gefahr von Überdosierungen und stellt sicher, dass die positiven Effekte im Vordergrund stehen.
Mitochondrienfunktion
Chronische Entzündungen können die Funktion der Mitochondrien beeinträchtigen, die als Zellkraftwerke die Energieversorgung sichern. Eine geschwächte Mitochondrienleistung trägt zur Muskelschwäche im Alter (Sarkopenie) bei. Mit einem speziellen Test lässt sich die Mitochondrienfunktion messen, um den Erfolg von anti‑entzündlichen Maßnahmen zu beobachten. Eine gezielte Förderung der Mitochondrienfunktion hilft, Muskelabbau und Gebrechlichkeit vorzubeugen (25).
Diagnostisches Vorgehen in der Longevity-Medizin
In einem diagnostischen Algorithmus (Abbildung 2) empfiehlt sich zunächst ein Basisprofil aus ChronoVital Index und NAD+-Messung. Signifikante Abweichungen führen direkt zu Therapieempfehlungen wie NAD+-Supplementierung oder Lebensstiländerungen.

Zeigt das Basisprofil eine Entzündung an oder liegen bekannte chronische Entzündungen vor, folgt ein Entzündungsprofil (Demenz- oder Allgemeines Anti‑Inflammaging-Profil), gewählt nach persönlicher Krankheitsgeschichte. Bei Verdauungsbeschwerden oder Autoimmunerkrankungen kommt zusätzlich ein Darmprofil infrage.
Überall dort, wo chronische Entzündungen vorliegen, sollte die Mitochondrienfunktion geprüft werden, da sie ein verlässlicher Indikator für den Therapieerfolg und wichtig für die Prävention von Gebrechlichkeit ist.
Ergänzend lassen sich geschlechtsspezifische Hormonprofile bestimmen, um individuelle Therapiestrategien zu optimieren.
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